Oersdorf - inmitten von Feld und Wald, von Wiesen und Moor

von Hans-Hinrich Ladwig

Ganz im Südwesten des Landkreises Stade und somit auch der Samtgemeinde Harsefeld liegt Oersdorf und das dazugehörige Kohlenhausen. In einem Bogen umfließt die Aue das Dorf. Einige Namensforscher meinen, das sei ausschlaggebend für den Ortsnamen gewesen: Oer oder Oehr, plattdeutsch Ühr bedeutet Henkel. Andere wiederum leiten Oersdorf, genau wie Harsefeld von Horse oder Horsegau (Pferd oder Ross) ab.

Der Name des Dorfes wandelt sich in den Jahrhunderten:

1375   Wolder de Ponte (von der Brücke) bebaute einen Hof zu Ozerestorpe,

1383   ... einen Hof tho Ozerstorpe-Koldehus,

1536   Erzbischöfliches Bremisches Schatzregister: Oderstorpe-Koldehus,

1647   Schwedisches Kontributions Schatzregister: Öhrstorff-Kolenhusen und

1750   .. Öhrsdorp, ein Dorf an der Aue, welche sich allda krümmet und nach Bargst zufließt.

Die Orte auf der Geest entstehen wohl überwiegend um die Wende des 10. zum 11 . Jahrhundert, als sich einzelne Familien und Sippen, meist in der Nähe von Bächen oder kleinen Flüssen, niederlassen. Dort haben sie Wasser, Gras für ihr Vieh und auf den höher gelegenen Flächen können sie Ackerbau betreiben, wenn Wald und Heide gerodet sind. So liegen denn auch die Dörfer der heutigen Kirchengemeinde Bargstedt bis auf Reith und Brest nahe der Aue. Das Oersdorf eine alte Siedlung ist, beweisen wohl auch die Reste eines Ringwalls, der möglicherweise zu einer Burganlage in etwa ein Kilometer Entfernung von Oersdorf in den damals sumpfigen Wiesen der Twiste gehört. Sie wird nach mündlicher Überlieferung auf den Horneburger Burgmann Heinrich von Borch, den bekannten "Isern Hinnerk" zurückgeführt, dürfte aber in Wirklichkeit wesentlich älter sein. Der seinerzeitige Archäologe und Museumsdirektor Wilhelm Wegewitz, aus Hollenbeck stammend, hält sie für eine altsächsische Anlage aus der Zeit Karls d. Großen. Dorthin flüchten sich dann wohl auch die Siedler unserer Gegend, wenn wieder Kriegswirren herrschen.

Oersdorf liegt aber nicht nur an der Aue, sondern auch an einem alten Pilger- und Heerweg. Im Mittelalter ist dieser Weg die westliche Pilgerroute von Island nach Rom und weiter nach Jerusalem. Er führt über Bargstedt, Oersdorf nach Heeslingen, Zeven und weiter in Richtung Grasberg" Diese Strecke heißt in Oersdorf "Heerstraße" und ist die Hauptstraße durch den Ort. Ab Kohlenhausen ist es dann in südlicher Richtung ein Wirtschaftsweg und heißt im Volksmund "Stadtweg" oder "Napoleonweg", wohl deshalb, weil napoleonische Truppen diesen Weg marschiert sind. Der Situation geschuldet hat die Bevölkerung in der Nähe des Heerweges unter mancherlei Gewalt, Mord, Raub, Hunger und Seuchen zu leiden. Das ist wohl auch mit ein Grund für die Oersdorfer sich zu weigern, die Straße Harsefeld - Zeven (Landesstraße 124) durch ihren Ort ausbauen zu lassen. Sie schwenkt jetzt am Ortsausgang Hollenbeck ab und verläuft über Ahlerstedt nach Zeven. Der Napoleonweg ist heute eine beliebte Wanderstrecke und ein Teil des Pilgerweges, des bekannten Jakobsweges nach La Compostella in Nordwestspanien.

In der Oersdorfer Schulchronik schwärmt Lehrer Ropers 1905: „In der nächsten Entfernung hat kein Dorf eine so schöne Lage wie Oersdorf. Kommt man Mitte Mai von Kohlenhausen, welches auf einer ziemlich bedeutenden Anhöhe liegt, (6 Meter HHL) so. hat man auf halbem Weg ein herrliches Landschaftsbild vor sich. Zuvörderst fällt der Blick auf das Wiesental mit der Aue. dann sieht man die blühenden Bäume in den Obstgärten mit den Häusern im Hintergrund. Die Höfe liegen versteckt unter prächtigen alten Eichen. Mancher schön gelegene Bauernhof würde gewiss das Auge eines Malers erfreuen. Viele Häuser wurden nach 1854 erbaut, als ein Großfeuer 24 Gebäude einäscherte.

Vieles hat sich getan, seit der Chronist diese Zeilen geschrieben hat. Zwei Weltkriege verändern das Dorf und hinterlassen ihre Spuren. Fünfzehn junge Männer im Ersten und neunzehn im Zeiten Weltkrieg kommen nicht zurück. Neu hinzu kommen die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die 1945 bei uns Unterkunft finden. Zu dieser Zeit verdoppelt sich fast die Einwohnerzahl.

1943 entledigen sich auf dem Rückflug von Hamburg befindende britische Bomber ihre Fracht über Kohlenhausen. Mehrere Häuser und Ställe werden ein Opfer der Flammen. Kurz vor Kriegsende beschießen, von Ottendorf kommende Panzer, Oersdorf. Dabei gehen mehrere Gebäude in Flammen auf. Glücklicherweise sind keine Menschenleben zu beklagen.

In den folgenden Jahren normalisierte sich nach und nach das Leben. Es beginnt die Zeit des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders, und das Dorf verändert sich abermals. Viele bäuerliche Betriebe existieren nicht mehr. Anfangs werden die Höfe noch im Neben- oder Zuerwerb weiter bewirtschaftet; im Laufe der Zeit von einigen hauptberuflich Wirtschaftenden übernommen, gepachtet oder gekauft.

Gibt es 1970 in Oersdorf-Kohlenhausen noch 30 Bauern, -hinzu kommen noch einige Handwerker, die im Nebenberuf ein bisschen Landwirtschaft betreiben -so sind es heute (2010) zehn, im Haupterwerb acht. Im Zuge der weiteren Konzentration, Mechanisierung und Rationalisierung und den oftmals nicht kostendeckenden Preisen, beschleunigt sich der Prozess. Alles muss dokumentiert werden, die Medienschelte nimmt zu, das Höfesterben geht weiter, ein Ende ist nicht abzusehen. Die nachfolgende Generation hat andere Berufe erlernt und pendelt überwiegend zur Arbeit nach außerhalb, nach Stade, nach Buxtehude und Hamburg. Aber auch in Handel, Gastronomie und Handwerk gibt es die gleiche Tendenz. Den Schmied, den Schuster, den Zimmermann, die Tankstelle, Post, Gastwirtschaft und Schule, sie alle finden sich nicht mehr im Dorf.

1972 nach der Gebietsreform verliert Oersdorf die Eigenständigkeit und gehört seitdem der Gemeinde Ahlerstedt an und mit Ahlerstedt zur Samtgemeinde Harsefeld.

Aber auch Erfreuliches gibt es zu vermelden. Wir haben noch einen Kaufmann, keine Selbstverständlichkeit, und in vielen umliegenden Dörfern gibt es schon lange keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Der Tischlereibetrieb Höft hat expandiert und beschäftigt zur Zeit 6 bis 8 Mitarbeiter und bildet auch Lehrlinge aus. In Kohlenhausen gibt es die Möbeltischlerei Fischer. Der Mühlen- und Landhandelsbetrieb Schröder hat sich weiter entwickelt, eine Getreideannahme und Trocknung errichtet und Lagerraum geschaffen, in dem das Getreide von Landwirten aus der Umgebung aufgenommen werden kann. In Oersdorf entwickelte sich aus kleinsten Anfängen der landwirtschaftliche Lohnbetrieb Klaus Fitschen, der fast alle in der Landwirtschaft anfallenden Arbeiten erledigen kann und inzwischen auch Arbeiten im kommunalen Bereich ausführt, Und auch einen Zimmermann gibt es wieder im Ort: Andre Meibohm hat sich selbstständig gemacht.

In der Schule wird das ehemalige Klassenzimmer vom Spielkreis genutzt. Im Februar 1991 gründet sich der Heimatverein "We Örsdörper", und im darauf folgenden Jahr wird das Dorfgemeinschaftshaus an das schon vorhandene Feuerwehrhaus angebaut. Dieses neue Domizil wird ausgiebig in Anspruch genommen, Für das kulturelle Leben im Dorf zeichnen verantwortlich die Freiwillige Feuerwehr, der Club "Hey Du" und der Heimatverein. Man sieht also, das Dorf lebt, und es lohnt sich, dort zu wohnen, inmitten von Feld und Wald, von Wiesen und Moor.

Heute hat Oersdorf, zusammen mit Kohlenhausen, um die 300 Einwohner und hat auch nach vielen Jahren seit 2006 wieder einen Bürgermeister, nämlich den der Gemeinde Ahlerstedt: Uwe Arndt.

Zeitgeschichte in Bildern (Fotos von Hini Ladwig)

Abladen-bei-der-ErnteAue-UeberflutungErntezeitHeuernte-1960
HeutrocknungImker-Tomforde-KohlenhausenSchule-in-oersdorfTischlerei-Hinrich-Hoeft-1930
Torfstechen-im-Moorfeuerwehr-oersdorf

 

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